Tausendundeine Nächtigung in Zell am See

Als die Polizisten an ihrer Tür läuteten und das Schaf „Dorli“ herausverlangten, raste Barbara Pillweins Herz, sie hat gewusst: Nie wieder wird sie ihr Appartementhaus Eichkatzerl für Araber aufsperren. Frau Pillwein kennt man im Pinzgau, seit sie vor vier Jahren ein Schaf vor dem Schächten gerettet hat. Mitten im Ort sah sie das Tier an einem Pfosten angebunden. Ein arabischer Urlauber hatte es einem Bauern abgekauft. Pillwein knüpfte die Schnur auf, hievte Dorli in den Kofferraum und brauste mit ihrem kleinen Auto davon, während der wütende arabische Besitzer ihr nachschrie und die Polizei holte.

Tausende Touristen aus Saudi-Arabien, den Emiraten und anderen arabischen Ländern kommen jeden Sommer in den Pinzgau, wenn nicht gerade Ramadan ist. Die Kellner zücken arabische Speisekarten, die Araber zücken die Kreditkarte. Im Juli und August 2018 kam jeder dritte Urlauber in Zell-Kaprun aus der arabischen Welt. Einige leben gut davon, die anderen Einheimischen ärgern sich: Sie erzählen von Zimmern, die überflutet würden, vom verdreckten See, von Schaf-Schächtungen und wilden Überholmanövern im Zeller Schmittentunnel. Alles Vorurteile, Märchen aus Tausendundeine Nacht? In Zell treffen zwei Kulturen aufeinander und Bürger fürchten: Die kleine Alpenstadt verliert durch den Tourismus ihre Identität.

2014 berichten viele Medien über die Rettungsaktion von Schaf Dorli – Die Vermieterin erinnert sich © C. Herbst


Als die Werbung in Zell zu gut lief

„Zuerst sind die steinreichen Araber gekommen“, erzählt Rüdiger Berger. Im Sommer vermietet er Boote am Zeller See, im Winter fährt er Taxi. Heute kommt die Mittelschicht, die immer noch genug Geld bringt. Arabische Besucher geben mehr aus als andere, um die 250 Euro am Tag. Selbst Ärmere kommen. Der Bootsvermieter mit dem weißen Bart erinnert sich an eine Familie saudischer Nomaden: „Normal leben die in der Wüste. Richtig Geld haben sie locker gemacht, um einmal nach Zell am See zu kommen. Für sie ist Zell die geheiligte Stadt.“ Alle lieben „Sellamsi“. Der gute Name strahlt so weit, dass sogar im deutschen Zell an der Mosel versehentlich die Nächtigungen stiegen.

Die Zahl arabischer Touristen in Zell war im Juli und August letzten Jahres wieder enorm. Arabische Urlauber bescherten der Stadt 157.000 Übernachtungen – rund ein Drittel aller Gäste. Im Juli und August 2007 waren es 100.000 Übernachtungen weniger – damals ein Sechstel der Besucher.

Den Stein ins Rollen brachte ein Zufall: Scheichs aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten machten in den 60er-Jahren im benachbarten Bad Hofgastein Urlaub – und damit das Salzburger Land bekannt: „Ich habe das Paradies gefunden“, soll der Emir von Abu Dhabi gesagt haben. Den Gedanken griff man im Pinzgau auf. Vor zirka 15 Jahren starteten die Tourismusplaner eine Offensive. Auf Messen, über Partner und Reisebüros aus dem Nahen und Mittleren Osten ließ man die Zeller Kombination als „das Paradies“ verkaufen: Berge, Flüsse und der See – so wie es im Koran beschrieben ist. Das Werben hat alle Wünsche übertroffen: Tagsüber schlendern Männer mit großer Sonnenbrille und Frauen mit schwarzem Kopftuch und langen Gewändern durch die malerische Innenstadt. Sie kommen wegen der grünen Landschaft, der Almrosen und sind fasziniert vom sauberen Wasser, den weißen Bergspitzen und dem klaren See. Die Hitze in den Luxusmetropolen und der Wüste treibt manche Araber sogar mehrere Wochen ins Pinzgauer Paradies.

Von den lokalen Fremdenverkehrsplanern will sich heute keiner mehr so genau an die Werbeschiene erinnern. Viele Hoteliers sprechen ungern über die arabischen Gäste, der Tourismusverband Zell am See-Kaprun antwortet nur schriftlich: Derzeit gebe es „keinen dringenden Bedarf an aktiven Promotion-Tätigkeiten“, schreibt man. Die Sache hat sich verselbstständigt. Mit Mundpropaganda und über soziale Medien teilen Besucher die Eindrücke aus Zell. Dazu kommen arabische Reisende daheim mittlerweile einfach zu ihrem Visum und mit täglichen Direktflügen schnell nach Österreich.

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Jeder dritte Urlauber in Zell am See-Kaprun kommt aus dem arabischen Raum © C. Herbst

Des einen Freud, des anderen Leid

Bootsvermieter Rüdiger Berger freut sich darüber. Arabische Touristen, sagt er, geben ihr Geld hier gern aus. Während die Deutschen einmal die Woche bei ihm ein Boot mieten, machen es die Araber mehrmals am Tag. Sie lieben das Wasser wie sonst keiner. Nicht alle Einwohner freut der „arabische Sommer“, viele schimpfen. Berger nicht: „Sie sind gute Gäste, sie prügeln sich nicht, sie trinken nicht. Im Winter sieht es anders aus, da gibt es viele Probleme mit Urlaubern aus europäischen Ländern.“ Die Vorurteile werden die Araber noch vertreiben, fürchtet Berger. Die Araber vertreiben? Das würde Appartement-Vermieterin Barbara Pillwein aus Kaprun nicht stören. Sie hat eigene Erfahrungen.

Seit sie Schaf Dorli gerettet hat, vermietet sie nicht mehr an arabische Gäste. Haustiere sind bei ihr herzlich willkommen, wirbt sie auf ihrer Homepage. Pillwein stören manche fremden Sitten: Ein Mann hat sich geweigert, ihr die Hand zu geben. In ihren Zimmern haben Araber Müll am Boden liegen gelassen. „Darunter leiden die Zimmermädchen, die hinterherputzen“, meint die Vermieterin. Sie erzählt von Hotels, in denen Bäder überschwemmt wurden, weil viele der arabischen Besucher daheim Bidets nutzen und Toilettenpapier für sie ungewohnt ist.

Gar nicht mehr zu erkennen sei der Hintersee in Mittersill, vermüllt, seit ihn arabische Urlauber entdeckt haben. „Da bin ich immer gern hingefahren. Der See war ein Idyll“. Heute nicht mehr. „Sie heben die Schranken und parken die Mietautos direkt am Ufer. Die Natur wird zerstört“, so Pillwein. Heimische Bauern schimpfen, weil ihnen Touristen überall das Gras zerdrücken und Picknicks in den Feldern machen.

Wie sieht das die Polizei? Sie will vermitteln. Der junge Revierinspektor Reinhard Brunner vom Posten Kaprun hat an der Volkshochschule Salzburg extra Arabisch gelernt. Er schlichtet bei Lärm oder wenn Vermieter mit ihren Gästen diskutieren: „Sie stellen oft heiße Töpfe auf Holztische. Die schwarzen Flecken finden sie nicht arg“, sagt Brunner. Das Hauptproblem ist aber ein anderes: Bei geschätzt 80 Prozent der Amtshandlungen geht es um den Verkehr. „Die Gangschaltung“, seufzt Brunner, „viele arabische Touristen können damit nicht umgehen, sie fahren zuhause mit Automatik.“ Viele Araber sind zur gleichen Zeit da, das sei „verkehrstechnisch nicht ideal.“ Parkschäden sind ein häufiges Problem – und natürlich die Kindersicherung. Dass es die im arabischen Raum nicht gibt, ist ein Irrglaube. Es wird dort nur nicht rigoros bestraft. Reinhard Brunner wird ernst. Arabische Touristen würden oft bitten, ein Auge zuzudrücken. „Aber bei der Kindersicherung gibt es kein Augenzudrücken.“

Fremd in der Heimat

„Zell und Kaprun verkaufen sich“, findet Barbara Pillwein. Wegen des starken arabischen Tourismus fühlt sie sich in ihrer Heimat fremd. Sie kennt die bunten Fassaden der Häuser und die Formen der Berggipfel schon aus ihrer Kindheit. Seit in diesem Bild verschleierte Frauen herumspazieren, ist ihr Eindruck ein anderer. Die Fremdartigkeit der arabischen Gäste lässt sich eben nicht so leicht übersehen wie die eines Rheinländers. Die arabische Schrift irritiert diejenigen, die schon immer hier gewohnt haben.

Die Region hat viel getan, um sich an die Geldbringer anzupassen. Speisekarten und „Einfahrt verboten“-Schilder sind in ungewohnter Schrift geschrieben, der Friseur wirbt für seinen Salon auf Arabisch. Restaurants bieten Halal-Speisen an, serviert von Arabisch sprechendem Personal: „Flüchtlinge sind Teil des arabischen Tourismus geworden“, meint Polizist Brunner. Wie Schwammerl seien die Läden aus dem Boden geschossen, mit Halal-Speisekarte, mit Kellnern aus dem Irak oder Afghanistan und ohne feste Preise. Den arabischen Besuchern ist es wichtig, ihre Essgewohnheiten im Urlaub fortzuführen. Das nutzen die Lokalbesitzer aus. Gegenüber heimischen Restaurants herrscht oft Misstrauen, ob wirklich nach islamischen Geboten geschächtet wird.

Von der Unsicherheit der Gäste profitieren auch Taxifahrer, die arabisch sprechen. Das sind oft Asylwerber oder Asylberechtigte, die in Wien oder München wohnen, erzählt Brunner. Sie mieten Autos und vereinbaren via Internet oder direkt am Flughafen Pauschaltarife. „Wenn wir 140 Euro verlangen, dann bieten Schwarz-Taxis das um 120 Euro an“, erklärt Taxifahrer Rüdiger Berger. „Es ist schwer zu kontrollieren“, weiß Polizist Brunner: „Die Fahrer sagen, sie seien privat oder fremd. Die haben nichts, keinen Taxameter, keine Versicherung, nichts.“ Manche nutzen das aus: „Teilweise drücken sie den Preis und teilweise verarschen sie die Araber. Die Preise sind ein bisschen willkürlich.“

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Die Ruhe vor dem arabischen Sommer in Zell am See © C. Herbst

Verständigung möglich – التواصل ممكن

Taxifahrer, Restaurantbesitzer und Hoteliers haben sich auf die Gäste eingestellt. Im Hotel Neue Post wurden in den Zimmern Bidets eingebaut und WC-Duschen installiert. Die arabischen Besucher freuen sich darüber, die anderen Urlauber stört es nicht. Hotelbesitzer klagen jetzt weniger über Schäden, verursacht durch Touristen, die sich mit Wasserflaschen oder dem Duschschlauch behalfen.

Zell und die Araber? Man hat sich arrangiert. Solange Geld in die Gegend fließt, beschweren sich die Pinzgauer nicht laut. Und doch: Schlechter Fahrstil, arabische Speisekarten oder Frauen, die mit schwarzen Tüchern ihr Gesicht verhüllen, ärgern die Bewohner auch nach gut zwei Jahrzehnten. Zur Identität von Zell am See gehören die Eigenheiten seiner Touristen. Die Veränderungen, die der Fremdenverkehr bringt, sind Teil dieser Identität.

Schon kleine Änderungen lösen Probleme: Ein Pinzgauer Bauer ärgerte sich ständig über Araber, die in die Sackgasse seines Güterwegs gefahren sind. „Dem Bauern hab ich dann ein Schild auf Arabisch geschrieben: Einfahrt verboten“, erzählt Polizist Brunner. „Man tut eine Tafel hin und dann ist das geregelt.“


Martin Lisy

Waldviertler und Wiener. Mag herzliche Menschen mit Haltung, Hirn und Schmäh. Hat Kommunikation und Politik studiert. Interessen: Menschen, Politik, Lesen, Schreiben, Kabarett

Christina Herbst

Eigentlich aus Salzburg, aber Wahl-Wienerin. Publizistik Studium an der Uni Wien. Kreativkopf und Social Media Mensch bei einem Online-Sportmagazin.