Genitalverstümmelung: „Männer brauchen keine unbeschnittene Frau“

Alle zehn Sekunden wird weltweit ein junges Mädchen verstümmelt. Religion ist ein Vorwand, um die Gewalt zu rechtfertigen.

Hayat* hat  Angst. Ihre Schwester ist vor ihr an der Reihe. Sie bringen sie in das Kinderzimmer, wo schon eine alte, somalische Frau auf sie wartet. „Ich habe sie schreien gehört und bin unter das Bett von meinem Onkel gekrochen.“ Hayat ist still und hält sich am Gestänge des Bettes fest. Ihr Onkel findet sie, zerrt sie aus ihrem Versteck und bringt sie zur Beschneiderin. Hayat fleht ihre Tante und ihren Onkel an, es nicht zu tun, doch sie bleiben hartnäckig. Auf dem Boden des Kinderzimmers, direkt auf Erde und kleinen Steinchen breiten sie ein Stofftuch aus. Hayat muss sich darauf legen. „Sie geben die Beine auseinander, mein Onkel hält mich bei den Schultern, meine Tante an den Beinen.“

Hayats Stimme wird laut, wenn sie von ihrer Beschneidung erzählt. Die 19-jährige gestikuliert, manchmal unterbricht sie oder redet auf Englisch weiter, weil ihr das passende Wort nicht einfällt. Ihre Hände beginnen zu schwitzen, sie legt sie auf dem roten Tisch vor sich ab und hakt ihre Finger ineinander. Hayats Onkel und Tante sind für sie wie ihre Eltern, die Kinder der beiden bezeichnet sie als Geschwister.

Hayats Hände
Hayat erzählt von ihrer Genitalverstümmelung | Foto: Annemarie Andre

Hayat ist sechs Jahre alt, als die Beschneiderin sie verstümmelt. „Wenn du schreist, dann zwickt sie dich in den Oberschenkel und sagt: ‚Shht! Shut up!‘ Und du sagst: ‚Bitte, ich will sterben!’“ Beim letzten Satz entgleist Hayats Stimme. Sie rückt sich ihr rotes Kopftuch zurecht, das bis über ihren dunkelbraunen Haaransatz gerutscht ist. Nach der Beschneidung wickelt Hayats Tante ihre Beine mit einem Stofftuch zusammen. „Vierzig Tage musste ich mit zusammengebundenen Beinen sitzen. Du musst die Beine zusammenhalten, sonst passiert es noch einmal”, erzählt Hayat. Ihre Schwester hält sich nicht an diese Regel, sie wird erneut von der Beschneiderin zugenäht.

Hayat verzieht ihren Mund, wenn sie von den Schmerzen der Schwester spricht. Ohne von den Folgen zu wissen, forderte ihre Schwester sogar die Beschneidung.

“Andere Kinder sagen, du bist nicht gut, wenn du nicht beschnitten bist. Sie glauben, wenn du nicht beschnitten bist, dann machst du ins Bett”, sagt Hayat. Dieses Märchen würden viele Mütter ihren Kindern erzählen, damit sie selbst die Beschneidung verlangen. Hayat kann nach der Verstümmelung zwei Tage lang nicht urinieren. Sie weigert sich bis ihre Mutter die Beschneiderin holt. „Sie kommt und zwickt dich innen in den Oberschenkel, bis deine Haut schwarz wird.” Die Schmerzen waren so stark, dass sie den Harndrang nicht länger zurückhalten konnte, erinnert sich Hayat.  

Eigentlich ist Hayat in einem somalischen Dorf geboren, aufgewachsen ist sie aber bei der Familie ihres Onkels in der Hauptstadt Mogadischu, er ist wohlhabender als Hayats Eltern und holt das kleine Mädchen deshalb zu sich. Dort leben sie in einer Wellblechhütte, das Dach hatte an vielen Stellen Löcher. “Als ich ein Kind war, hatte ich immer Angst wenn es regnete, weil der Niederschlag so laut auf das Wellblech prasselte.” Hayat lacht, wenn sie sich daran erinnert. Regen hasst sie aber bis heute.

Gemeinsam mit den vier Kindern ihres Onkels teilt sie sich ein Zimmer. Nur die Erwachsenen haben richtige Betten, die Kinder schlafen auf Matratzen, die auf der Erde liegen. Einen Fußbodenbelag hat die Hütte nicht. Gekocht wird draußen, In Erdlöchern wird mit Stroh und Holz Feuer gemacht. Hayat kocht auch heute vorwiegend somalische Gerichte, erst zu Mittag hat sie Canjeero gemacht, ein somalisches Fladenbrot, das aussieht wie Palatschinken.

Am Dorf, wo ihre Familie wohnt, gibt es keine Wellblechhütten. Sie wohnen dort in Zelten, erinnert sie sich. Das sei aber gefährlich wegen der Löwen und der anderen wilden Tiere. Auch die Beschneidung auf dem Land ist gefährlicher als in der Stadt.

Von ihrer Schwester aus dem Dorf hat Hayat gehört, dass es nur stumpfe Rasierklingen zum Schneiden und Tierhaare zum Vernähen gibt. Hayat bekommt eine Betäubungsspritze im Vaginalbereich und wird mit einer richtigen Schere beschnitten.

In Mogadischu arbeitet Hayat als Dolmetscherin in einem Krankenhaus. Seitdem träumt sie davon, Hebamme zu werden und die Patientinnen auch bei medizinischen Problemen zu unterstützen. Hayat ist ein Stadtkind. In das Dorf ihrer Familie wollte sie nie zurückkehren. Sicher ist sie jedoch auch in der Stadt nicht.

Mit 16 Jahren flieht sie vor dem Bürgerkrieg in Somalia. Sie erinnert sich an Bomben, die in den Straßen von Mogadischu explodierten. Ihre Schwester wurde von der Terror-Miliz al-Shabaab entführt, bis heute weiß niemand wo sie ist.

Jetzt lebt sie in Wien in einer Wohngemeinschaft für Geflüchtete. Auf einem großen Teppich in ihrem Zimmer stehen Lautsprecher. Sie surren, weil kein Gerät an ihnen angeschlossen ist. Hayat hört gerne somalische Musik. Einmal hat sie sogar ein Lied geschrieben. “Was du sagen” war sein Titel, im Lied macht sie sich über ihre schlechten Deutschkenntnisse lustig. Hayat beginnt zu singen, ihre Stimme ist hoch und melodisch. Mittlerweile spricht Hayat schon besser Deutsch. Sie lernt viel für ihren Pflichtschulabschluss und ist stolz, wenn sie ein Sehr Gut bekommt.

Auf Hayats Schrank neben dem Badezimmer steht ein großer Make-up Koffer voll mit Schminksachen. Sie legt einen rosaroten Lipgloss auf bevor sie das Haus zum Spazierengehen verlässt. In der Türangel dreht sie sich nochmal um und wirft einen Blick auf ihre Kosmetiksachen.

Bis vor Kurzem teilte sie sich das Zimmer mit einer anderen jungen Frau aus Somalia. Sie hat mittlerweile ihren positiven Bescheid erhalten und ist aus der Wohngemeinschaft ausgezogen. Viele der anderen geflüchteten Mädchen verstehen nicht, was Hayat meint, wenn sie von Beschneidung spricht. In Syrien und Afghanistan werden Mädchen nicht beschnitten.

Infografik FGM
Infografik: Annemarie Andre

Es gibt vier Arten von Beschneidung. Die häufigste Art der Beschneidung ist die Sunna-Beschneidung. Dabei werden die Klitoris-Vorhaut, die Klitoris und inneren Schamlippen ganz oder teilweise entfernt. Dann folgt die sogenannte Infibulation, die auch Hayat hat. Dabei werden die gesamten äußeren Geschlechtsteile, die Klitoris und die inneren Schamlippen[F2] entfernt. Die blutigen Stümpfe der äußeren Schamlippen werden zusammengenäht. Es bleibt meist nur eine kleine, fingerkuppengroße Öffnung.

Wie die Beschneidung ausfällt, entscheidet die Familie mit der Beschneiderin. Hayat und ihre Schwester aus dem Dorf haben nicht dieselbe Form der Beschneidung. Sie sagt: „Deine Mutter oder dein Onkel sagen der Beschneiderin, wie sie die Kinder beschnitten haben wollen. Wer unten größer ist, der bekommt eine große. Wer klein ist, der bekommt eine kleine.“ Mit ihren Händen zeigt sie die unterschiedlichen Größen. Nicht nur beim Wegschneiden gibt es Unterschiede, auch beim Zunähen. Bei ihr wurde eine größere Öffnung gelassen, als bei ihrer Schwester aus dem Dorf.

200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit sind laut der Weltgesundheitsorganisation Opfer weiblicher Genitalverstümmelung – auch Female Genital Mutilation genannt. Der Großteil von ihnen kommt aus muslimisch geprägten Ländern in Nordafrika. Viele sind, wie Hayat, aus Somalia. 98 Prozent aller Somalierinnen sind beschnitten. In Ägypten, Äthiopien, dem Sudan und Mali sind es circa 90 Prozent.

In Österreich gibt es circa 6.000 bis 8.000 Frauen, die von FGM betroffen sind. Die meisten von ihnen leben in Wien. In der Hauptstadt gibt es drei Einrichtungen, die FGM-Fälle behandeln: das AKH, das Wilhelminenspital und die Rudolfstiftung. Das Frauengesundheitszentrum FEM Süd ist eine zusätzliche Beratungsstelle für Betroffene. Von den knapp 8.000 Frauen kommen jede Woche alleine zwei Betroffene ins Wiener AKH zu Daniela Dörfler.  

Die Beschneiderinnen lassen den Frauen nur eine circa 0,5 bis einen Zentimeter kleine Öffnung am Scheideneingang. Manchmal lassen sie noch ein zweites kleines Loch für die Harnentleerung. Fünf dünne Striche sind ein halber Zentimeter auf einem Lineal, nicht einmal die Spitze des kleinen Fingers hat dort Platz.

Beschnittene Frauen sitzen deshalb oft bis zu einer halben Stunde auf der Toilette, erzählt Dörfler. Der Urin rinnt nicht, er tropft aus der kleinen Öffnung. Das sind aber nicht die einzigen Folgen der Genitalverstümmelung.

Die Frauen haben meist starke Menstruationsbeschwerden und leiden an mitunter chronischen Infektionen. Einige sterben auch unmittelbar nach der Beschneidung. Sie verbluten.

Hayat erinnert sich an eine Freundin aus der Nachbarschaft, die ebenfalls beschnitten wurde. In der Nacht nach der Verstümmelung konnte sie gerade noch rechtzeitig von einem Arzt gerettet werden. Daraufhin war sie ein Jahr krank. Die meisten beschnittenen Frauen gehen nur in absoluten Notfällen zur Ärztin – oder wenn sie schwanger sind. Viele gehen aber gar nicht zu Frauenärzten, Hayat zum Beispiel.

Sie war noch nie bei einer Gynäkologin, weil sie Angst hat und sich schämt. Einmal hatte sie einen Termin bei einer Frauenärztin, aber den hat sie nicht eingehalten. Sie sagt, sie habe die genaue Uhrzeit nicht mehr gewusst und war zu nervös, um anzurufen und nachzufragen. Hayat sollte eigentlich einen neuen Termin vereinbaren, tat das jedoch nie.

Dabei leidet sie besonders an den ersten Tagen der Menstruation unter großen Schmerzen. Hayat hilft sich mit Tabletten, viel Tee und einer Wärmflasche. Trotzdem möchte sie sich nicht untersuchen lassen, auch nicht von einer Ärztin.

Daniela Dörfler
Daniela Dörfler, Foto: Soraya Pechtl

Daniela Dörfler kennt diese Scham und Angst. Die Frauen müssen sich nicht sofort untersuchen lassen, wenn sie das nicht wollen: „Wir arbeiten viel mit Kommunikation, sprechen über Verhütung und Schwangerschaft, dann kann sie sich den Raum ansehen und ein bisschen diese Scheu verlieren. Das Gespräch steht ganz oben“, sagt sie. Erst wenn die Patientinnen Vertrauen zu Dörfler aufgebaut haben, spricht sie mit ihnen wieder über eine gynäkologische Untersuchung.

Vor dem Geschlechtsverkehr oder einer Geburt muss die Narbe, die durch die Beschneidung entstanden ist, geöffnet werden. Eine Möglichkeit ist die operative Öffnung. 60 solcher Operationen führt Dörfler pro Jahr durch. Oft wollen die Männer die Narbe aber selbst gewaltsam öffnen, wie bei Hayats Freundin.

Es ist Tradition, dass der Mann beim Geschlechtsverkehr in der Hochzeitsnacht die Nähte mit seinem Penis aufreißt. „Manche Männer sagen: ‘Ich bin ein Mann, ich bin stark, ich kann das öffnen’”, sagt Hayat. Sie erzählt von einer Freundin, die nach der Hochzeit zwei Wochen krank war. Sie traute sich nicht, ihrem Mann zu sagen, dass sie nicht von ihm aufgerissen werden will.

Für Hayat kommt eine operative Öffnung erst in Frage, wenn ihr zukünftiger Mann nach der Hochzeit sehen konnte, dass sie beschnitten und zugenäht ist. Andernfalls würde er sie verlassen. Hayat würde ihrem Mann zeigen, dass sie beschnitten ist und die Nähte dann von einer Gynäkologin auftrennen lassen. Somalische Männer würden nur eine beschnittene Frau akzeptieren, ist sich Hayat sicher. Sie selbst könnte sich auch eine Beziehung mit einem Österreicher vorstellen — vorausgesetzt er ist ebenfalls Moslem.   

„Alles, was Allah sagt, mache ich“

Im Koran steht kein Wort über die Beschneidung von Frauen. FGM kommt nur in wenigen, fragwürdigen Überlieferungen vor. Dennoch befürworten Geistliche der schafiitischen Rechtsschule, einer der vier sunnitischen Rechtsschulen, die Genitalverstümmelung. Praktiziert wird die Beschneidung aber sowohl unter Sunniten, als auch unter Schiiten. Vieles ist Auslegungssache. Der Islamische Zentralrat in der Schweiz befürwortet sogar eine Form der Beschneidung, obwohl sie bei einer Konferenz islamischer Gelehrter zuvor verboten wurde.

Hayat betet fünf Mal am Tag, trägt ein Kopftuch und begeht den Ramadan. Auf ihrem Handy hat sie eine App, die ihr die genaue Gebetszeit anzeigt. Hayat lächelt verlegen. Das Morgengebet wäre ihr oft zu früh, sagt sie. Eine Frühaufsteherin ist sie nicht. Hayat bezeichnet sich als religiös, kann aber nicht nachvollziehen, warum die Beschneidung in ihrer Kultur gängige Praxis ist. Sie sagt aber: „Wenn es im Koran wäre, würde ich es auch bei meinen Kindern machen lassen. Alles, was Allah sagt, mache ich.“

FGM ist eine tief verwurzelte Tradition, die schon vor dem Islam existiert hat. Viele Mitglieder der nordafrikanischen Communities sind noch immer der Auffassung, dass nur eine beschnittene Frau rein ist und nur eine reine Frau einen guten Mann finden würde. Großmütter, Mütter und Tanten bestehen deshalb oft auf die Beschneidung.

In Gambia sei eine beschnittene Frau zehn Kühe wert, eine umbeschnittene vielleicht eine, sagt Umyma El-Jelede.

Hayats Tante hat sich später für ihre Beschneidung entschuldigt. Daraufhin wollte Hayat sie davon überzeugen, ihre Kinder nicht beschneiden zu lassen. Ihre Tante bleibt jedoch dabei, sie will zumindest eine kleine Beschneidung machen lassen. Hayat ist enttäuscht. Nur wenige Frauen sind bereit, die Zukunft ihrer Töchter als Ehefrauen zu riskieren. Eine unbeschnittene Frau bedeutet für viele Männer eine Frau zu haben, deren Sexualität sie nicht kontrollieren können.

In der Frauenberatung FEM Süd im zehnten Bezirk in Wien arbeitet Umyma El-Jelede. In ihrem weißen Kittel sitzt sie in ihrem Besprechungszimmer, auf ihrem Schreibtisch liegen eine Menge Ordner und Akten. El-Jelede glaubt, Religion würde oft als Vorwand verwendet werden, um die brutale Praxis zu legitimieren und um die Diskussion über gesundheitlichen Folgen von FGM beiseite zu schieben.

Die 47-jährige hat im Sudan Medizin studiert und ist 2004 vor dem Bürgerkrieg nach Österreich geflüchtet. Seit zwölf Jahren berät sie beschnittene Mädchen und Frauen in Österreich. Die Geschichten der Frauen bewegen sie aber noch immer, sagt sie. 

Als sie mit der Beratung begonnen hat, musste El-Jelede aktiv auf die Frauen in den Communities zugehen, um mit ihnen über FGM zu sprechen. Heute ist das anders. “Mittlerweile kommen die Frauen von sich aus”, sagt sie. Für El-Jelede ist das ein Erfolg. Die Frauen vertrauen ihr, weil sie viele und lange Gespräche mit ihnen führt und weil sie die Frauen zu Ärzten, vor allem zu Gynäkologen, begleitet. Auch die Ärzte vertrauen El-Jelede. “Das macht es einfacher”, sagt sie, die Frauen ließen sich eher untersuchen, wenn ein Vertrauensverhältnis besteht.

El-Jelede hält Männer für die eigentlichen Schlüsselpersonen im Kampf gegen Genitalverstümmelung. Eine nicht beschnittene Frau komme für viele nicht in Frage. „Männer brauchen keine unbeschnittene Frau“, sagt auch Hayat. Unbeschnittene Frauen gelten als „schmutzig“. In Gambia sei eine beschnittene Frau zehn Kühe wert, eine unbeschnittene vielleicht eine, sagt El-Jelede.

Patriarchale Strukturen

Einer dieser Männer sitzt im neunten Bezirk in Wien. Abdalla Mohamed ist Obmann des Österreichisch-Somalischen Gemeinschaftsvereins. Er sagt, er sei gegen FGM.

So gut wie jede Somalierin ist Opfer von Genitalverstümmelung und dennoch ist FGM kein Thema im Verein. „Wir sprechen nicht darüber“, sagt Mohamed. 50 Männer sind Mitglied im Verein, aber nur drei Frauen. Es sei schwierig, den Kontakt zu den somalischen Frauen aufzubauen, sagt Mohamed. „Man kann nicht sehr offen über FGM reden.“ Mehr will er dazu nicht sagen.

Die somalische Community gilt als sehr verschlossen, der Zugang zu den Mitgliedern ist schwierig, aber ausschlaggebend im Kampf gegen FGM. Darüber ist man sich in Österreich und auch in Deutschland einig. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes kämpft in Deutschland seit ihrer Gründung im Jahr 1981 gegen weibliche Genitalverstümmelung. Sie hat ein eigenes Konzept entwickelt, um die oft sehr verschlossenen Communities zu erreichen.

Die Organisation rekrutiert Mitglieder der Communities zu sogenannten “CHANGE Agents”. In einer sechsmonatigen Ausbildung lernen Männer und Frauen, wie sie Veränderungen und ein Umdenken in ihrer Gemeinschaft anstoßen. Eine dieser Change-Agents ist Habiba Al-Hinai.

Sie thematisiert FGM auf Twitter, Facebook und ihrem Blog – alles auf arabisch, um die arabisch-sprechenden Communities zu erreichen. Auf der Homepage von Terre des Femmes ist unter den zehn Agents nur ein Mann.

El-Jelede kennt den schwierigen Zugang zu den männlichen Community-Mitgliedern, sie sagt: „Männer denken, FGM sei Frauensache. Wenn man die Frauen fragt, sagen sie, sie würden keinen guten Mann finden, wenn sie nicht beschnitten sind.”

Nicht bei meinem Kind

Hayat würde eine Beschneidung bei ihrer Tochter nie zulassen. So denken aber nicht alle ihrer Freundinnen, manche sind dafür. „Wenn es einen Verdacht gibt, dass es zu einer Beschneidung kommen könnte, wird das Jugendamt eingeschalten“, sagt El-Jelede.

In Österreich gibt es momentan noch keinen eigenen Paragraphen, der Genitalverstümmelung unter Strafe stellt. FGM fällt derzeit unter die Straftatbestände der schweren Körperverletzung oder der Körperverletzung mit schweren Dauerfolgen. Das ist nach Paragraph 84 beziehungsweise Paragraph  85 mit bis zu zehn Jahren Haft zu bestrafen.

In Deutschland ist das anders. Seit 2013 ist die Verstümmelung weiblicher Genitalien im Paragraph 226 des deutschen Strafgesetzbuches geregelt und mit bis zu fünf Jahren Haft zu bestrafen. “Auch wenn es in Deutschland noch keine Verurteilung auf Basis dieses Straftatbestands gab, ist die Signalwirkung des Gesetzes nicht zu unterschätzen”, sagt die Sprecherin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes.

Besteht in Österreich die Gefahr, dass Eltern ihre Töchter beschneiden lassen wollen, nimmt das Jugendamt die Familie und die Kinderärzte in die Pflicht. „Wenn die Eltern eine Beschneidung durchführen wollen, dann verlangt das Jugendamt eine Kontrolle”, sagt El-Jelede. Das Jugendamt schließt dann mit den Eltern des Mädchens einen Vertrag ab. Dieser hält fest, dass die Eltern alle sechs Monate ein ärztliches Attest vorlegen müssen, das bescheinigt, dass das Mädchen nicht beschnitten ist. Auch der zuständige Kinderarzt wird darüber informiert. Michael Sprung-Markes bestätigt, dass in seine Kinderarztpraxis im 16. Bezirk immer wieder Familien kommen, die ein solches Attest benötigen. Diese Untersuchungen werden in die Kartei eingetragen. Im Mutter-Kind-Pass gibt es keinen Vermerk. Sobald die Kinder 16 Jahre alt sind, gibt es überhaupt keine Kontrollen mehr.

El-Jelede klärt die Familien über die schrecklichen Folgen auf und hofft, dass sich die Eltern gegen eine Beschneidung entscheiden, bevor das Mädchen 16 Jahre alt wird. Sie sagt: „Wenn wir gegen FGM kämpfen, müssen wir die ganze Familie miteinbeziehen.“ Bei ihrer eigenen Familie hat sie das bereits geschafft. Sie hat ihren Bruder davon überzeugt, seine Tochter nicht beschneiden zu lassen. 

Die geborene Sudanerin will das Frauenbild in den nordafrikanischen Communities ändern. Sie geht zum Beispiel mit den Mädchen Radfahren, um ihnen zu zeigen, dass sie alles tun können ohne ihrem Frausein zu schaden.

Hayat ist vor kurzem zum ersten Mal auf einem Fahrrad gesessen. Die ersten Versuche waren wackelig und sie ist vom Rad gefallen. Im Sommer, wenn es wieder wärmer wird, will Hayat es aber erneut versuchen.

*Name wurde geändert


Steckbriefe

Daniela Dörfler ist Gynäkologin im AKH Wien. Ihre Patientinnen kommen vor allem aus dem arabischen Raum und Nordafrika. Die ausgebildete Sexualpädagogin gibt auch Aufklärungsunterricht in Schulen. 

Umyma El-Jelede hat im Sudan Medizin studiert. 2004 flüchtete sie vor dem Bürgerkrieg nach Österreich. Im Beratungszentrum FEM Süd im 18 Wiener Gemeindebezirk berät und unterstützt sie Frauen, die von FGM betroffen sind.

Abdalla Mohamed ist Obmann des Österreichisch-Somalischen Gemeinschaftsverein. Der Verein bietet in Österreich lebenden Menschen somalischer Herkunft Beratung und Information, ist aber auch Anlaufstelle für interessierte Österreicher. 

Hayat ist in Mogadishu, Somalia aufgewachsen und 2015 nach Österreich geflüchtet. Nach der Schule möchte sie gerne Hebamme werden.


Soraya Loretta Pechtl

Soraya Pechtl hat an der Universität Wien Politikwissenschaft studiert und arbeitet derzeit in der VICE-Redaktion.